Dienstag, 9. Februar 2010

Die Entspannung am Boden trainieren


 
Lolli ist ein sehr ängstliches Pferd. Als wir ihn bekamen war das schon so. Vor uns interessierten sich Turnierreiter für ihn, die ihn für talentiert hielten, sich aber an seinem schwachen Nervenkostüm störten. Auch sein Halbbruder, den wir einige Zeit später dazu kauften, ist so. Der eine gehört dabei in die Kategorie "Extrovertiert", der andere ist "Introvertiert".

Als wir nun begannen, uns mit Natural Horsemanship zu befassen, war eine der wichtigsten Dinge, die wir für ihn tun konnten, das "Entspannen" zu konditionieren. Denn nachdem wir die Grundschule des Pferdelesens hinter uns gebracht hatten, erkannten wir, dass er sich aus eigener Kraft sehr langsam wieder beruhigte, wenn etwas vorgefallen war.

Er war oft in seiner Angst gefangen und die Reizschwelle war so niedrig, dass er sich ständig wieder und wieder vor weiteren Dingen erschrak. So konnte es durchaus passieren, dass man eine ganze Reitstunde auf einem Pulverfass saß, dass nur darauf wartete zu explodieren. Es begann ein Teufelskreis, denn neben seiner Ängstlichkeit hatte er vorallem ein gutes Gedächtnis. Wo einmal etwas passiert war, könnte ja auch auch ein weiteres Mal etwas passieren. Also stieg der Stresspegel an bestimmten Orten immer und immer mehr.




Normalerweise sorgen Pferde selbständig dafür, dass das Adrenalin im Körper nach dem Erschrecken abgebaut wird - indem sie ihren Kopf absenken. Als Orientierung kann man sagen, dass solange der Kopf über der Höhe des Widerrist getragen wird, der Fluchtmodus aktiv ist. Senkt das Pferd den Kopf selbstständig, fährt es wieder herunter.

Eine unserer Stuten beherrscht diese Technik in Perfektion. Sie ist in tausendstel Sekunden auf 180 und läuft kurz darauf mit schlackerndem, tief abgesenktem Kopf herum und bringt sich selbstständig so wieder genauso schnell unter Kontrolle. Lolli konnte das nicht. Er trug lange den Kopf hoch, horchte immer wieder in die Runde, die Augen geweitet, der ganze Körper auf Flucht eingestellt.

Bekommt man solch ein Pferd unter den Sattel, hat man von vorn herein mit Verspannungen zu tun, die eigentlich garnicht zum "Gymnastizieren" des Pferdes gehören.

Leider bleiben diese emotionalen Probleme eines Pferdes wie es bei unserem der Fall war, oft im Verborgenen. Nicht immer zeigt das Pferd, wenn es sich ängstigt - "auf Adrenalin ist". Nicht immer springt es aktionsreich weg. Umso wichtiger ist es für den Reiter, zu analysieren, warum ein Pferd verspannt ist, warum es den Kopf hoch trägt, sich so schwer lösen läßt oder anderweitig seine Mitarbeit verweigert. Der Unterschied zwischen extrovertiertem und introvertiertem Typ ist schon enorm und verlangt ganz verschiedene Herangehensweisen.

Karen Rohlf bot uns in ihrem Buch "Dressage Naturally... Results in Harmony" eine besonders wichtige Übung, die es uns erlaubte, Lolli bei der "emotionalen" Entspannung zu helfen. "Das Kopfabsenken in der Bewegung". Wenn man sich im Internet ihre Filme anschaut, sieht man immer wieder, dass nach einer versammelnden Übung das lange Dehnen des Halses in die Tiefe kommt. Die Pferde empfinden dies als sehr wohltuend und sind immer gerne bereit, diese Übung auszuführen.

Besonders faszinierend war es, dass Lolli nachdem er nach wenigen Übungseinheiten verstanden hatte, was wir uns wünschten, auch gleichzeitig merkte, dass es ihm bei der Angstbewältigung half. Von diesem Moment an suchte er in Stresssituationen ganz von alleine diese Möglichkeit der Kontrolle über seine Emotionen.



Das ist für mich eine der bewegensten Momente gewesen - als ich verstanden habe, was Horsemanship bedeutet. Nicht das Erlernen von Kunststückchen oder das dressurmäßige Gymnastizieren steht in diesem Fall im Vordergrund, sondern die Hifestellung bei einem Stressproblem.

Wir wollen das Pferd hiermit so vorbereiten, dass es sich in unserer "bedrohlichen" Menschenwelt selbstständig zurecht finden kann und ihm die Chance geben, es uns recht zu machen. Hierfür müssen wir seine Mentalität verstehen und ihm Möglichkeiten eröffnen. wie man sich engagieren kann.
 
Hier findet man Informationen zur Pferdepsychologie nach Parelli (Horsenality)